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Malteser Münster

Sterbende sind Lebende - bis zuletzt.

Ehrenamtliche Sterbebegleiter/innen im Interview

29.05.2017
Drei Frauen, die sich seit 2014 als Ehrenamtliche im Hospizdienst  engagieren: (vlnr) Barbara Arnold (50), Hennie de Kok (65) und Christiane Strobl (66).
Drei Frauen, die sich seit 2014 als Ehrenamtliche im Hospizdienst engagieren: (vlnr) Barbara Arnold (50), Hennie de Kok (65) und Christiane Strobl (66).

Niederrhein. Als Ehrenamtliche im Ambulanten Hospizdienst begleiten sie schwer erkrankte und sterbende Menschen, sowohl zu Hause in ihren Familien, wie auch in Senioreneinrichtungen und Krankenhäusern.
Anlässlich des 10jährigen Jubiläums des Hospizdienstes der Malteser am Niederrhein (Goch-Uedem/Xanten-Sonsbeck) sprach Diözesanpressereferentin Jennifer Clayton mit sieben ehrenamtlichen Sterbebegleitern über ihre Beweggründe und Erfahrungen und lernte verstehen, warum das Engagement als „Hospizdienstler“ ihr Leben bereichert.

Was war Anlass für Ihr Engagement im Ambulanten Hospizdienst?

Maria Vanslembrouck: Ich bin gelernte Krankenschwester. Als meine Kinder aus dem Haus waren, war ich auf der Suche nach einer neuen Herausforderung. So bin ich auf den Ambulanten Hospizdienst der Malteser aufmerksam geworden.

Heinz Coenen: Ich bin durch den Besuchs- und Begleitungsdienst der Malteser dazu gekommen. Später wollte ich dann etwas anderes machen und habe mich von den Maltesern als Sterbebegleiter ausbilden lassen.

Hennie de Kok: Ich bin gebürtige Niederländerin und habe früher als Floristin gearbeitet. Zum Hospizdienst bin ich gekommen, da ich in meiner Arbeit - z.B. bei der Vorbereitung eines Blumenbouquets für eine Beerdigung - erlebt habe, wie distanziert oft hier in Deutschland mit Tod und Sterben umgegangen wird. Das war in meinem Elternhaus, in der niederländischen Kultur allgemein, schon in meiner Jugend ganz anders. Durch die  Hospizbewegung wird auch hier der Sterbende wieder in die Mitte der Gesellschaft geholt und nicht verschämt am Rande stehen gelassen.

Christiane Strobl: Dazu, wie ich zum Ambulanten Hospizdienst gekommen bin, kann ich eine tolle Geschichte erzählen! Ich bin Märchenerzählerin und bei einer Märchenwoche in Xanten, die zugunsten des ambulanten Hospizdienstes der Malteser stattfand, lernte ich unsere Koordinatorin Martina Zimmer kennen. Sie war der Meinung, ein ehrenamtliches Engagement beim Hospizdienst wäre genau mein Ding! Ich war anfangs noch nicht davon überzeugt. Martina blieb aber hartnäckig. Irgendwann habe ich dann doch am Befähigungskurs teilgenommen, und muss sagen: Es war das Beste, was mir im Leben passiert ist!

Barbara Arnold: Durch Zufall habe ich 2013 in einem Zeitungsartikel gelesen, dass die Malteser wieder einen neuen Kurs anbieten, der Ehrenamtliche auf die Begleitung schwerkranker und sterbender Menschen vorbereitet. In mir hatte ich schon lange diesen Wunsch, da habe ich mich einfach gemeldet.

Wie muss man sich ihren Dienst vorstellen?

Maria Vanslembrouck: Wir begleiten schwer erkrankte und sterbende Menschen. Meistens zu Hause, manchmal aber auch in Senioreneinrichtungen oder im Krankenhaus. Konkret funktioniert das so: Ein Angehöriger meldet sich bei einer unserer Koordinatorinnen über das Bereitschaftstelefon. Sie ruft uns dann an und fragt, wer Zeit hat. Und dann fahren wir zu den Leuten nach Hause. Mittlerweile haben wir aber auch eine eigene WhatsApp-Gruppe (lacht), da werden aber nur Verabredungen getroffen, keine Namen genannt. Datenschutz und Schweigepflicht werden auch bei uns sehr ernst genommen.

Marlene Wiggenhorn: Manchmal ist es nur ein Besuch, manchmal begleiten wir die Menschen aber auch über Wochen oder sogar Jahre. Wichtig ist, einfach da zu sein. Hand halten, zuhören oder z.B. auch mal vorlesen. Die Patienten sollen wissen, dass sie nicht alleine sind. 

Das ist sicher nicht leicht.

Heinz Coenen: Anfangs vielleicht nicht, aber das lernt man mit der Zeit – und natürlich auch schon während der Ausbildung. Wir sind im Befähigungskurs wirklich sehr gut auf unsere Aufgabe vorbereitet worden!

Christiane Strobl: Das stimmt! Wir haben eine unglaublich gute Ausbildung bekommen, in der ich auch ganz viel über mich selbst gelernt habe. Wir haben im Umgang mit Sterbenden, Angehörigen und Trauernden Sicherheit bekommen. Wir haben auch gelernt, von Herzen ‚Nein‘ zu sagen. Gelernt, zuzuhören und andere Weltanschauungen zuzulassen.

Welche Charaktereigenschaften sollte man als angehender Hospizhelfer mitbringen?

Heinz Coenen: Pauschal kann man das wohl nicht sagen. Geduld, Ruhe, Einfühlungsvermögen und innere Ausgeglichenheit sind wichtig. Ein gutes Gleichgewicht zwischen Nähe und Distanz zum Patienten spielen auch eine zentrale Rolle.

Wie ist das mit dem Verhältnis zwischen den Menschen, die Sie begleiten und Ihnen, den Begleitern? Kann es auch vorkommen, dass die Chemie nicht stimmt?

Barbara Schönauer: Ja, klar. Das ist wie im „richtigen“ Leben. So ein Problem hatte ich gleich bei meiner allerersten Begleitung. Die Frau des Patienten konnte nicht loslassen und wollte eigentlich auch gar nicht, dass ich da bin. Diese Ablehnung habe ich als furchtbar empfunden! Ich habe dann aber gelernt, das nicht persönlich zu nehmen und mich nicht entmutigen zu lassen.

Marlene Wiggenhorn: Das kommt schon mal vor. Ich hatte eine Begleitung, da habe ich einfach keinen Zugang zum Patienten gefunden. Ich war zwei Mal dort. Es war schwer und die Chemie stimmte einfach nicht. Dann hat ein anderer Hospizhelfer den Patienten übernommen. Wir werden da sehr gut von unseren Koordinatorinnen unterstützt.

Gibt es ein ganz besonders einprägsames Erlebnis aus 10 Jahren Hospizdienst?

Maria Vanslembrouck: Nach einer Begleitung kamen die Angehörigen zu mir nach Hause, um sich bei mir zu bedanken. Das fand ich klasse!

Heinz Coenen: Über zwei Jahre habe ich einen älteren Herrn begleitet, ich habe ihn alle zwei Wochen besucht. Er war alleinstehend und wir konnten gut miteinander erzählen. Vor allem auch, weil wir uns auf Platt unterhalten konnten. Da waren direkt die richtige Sympathie und eine Vertrauensbasis da, das war großartig!

Barbara Schönauer: Ich habe mal eine Patientin mit Demenz begleitet, die schon gar nicht mehr richtig sprechen konnte. Sie hat meistens einfach nur geschrien, ich konnte ihr nicht helfen, und wusste nicht, was ich machen sollte. Zu Hause bin ich über das Buch „Der alte Mann und das Meer“ gestolpert und habe es bei meinem nächsten Besuch mitgenommen. Ich las ihr daraus vor und sie wurde merklich ruhiger. Sie lächelte. Sie nahm ganz friedlich meine Hand und fuhr damit über ihre Wange. Ich hatte einen Zugang zu ihr gefunden. Bis heute weiß ich nicht, warum sie gerade dieses Buch so beruhigte.

Christiane Strobl: Meine erste Begleitung war sehr beeindruckend. Die Dame kam über Marburg und Buxtehude zu ihrer Tochter an den Niederrhein, um zu sterben. Schon beim allerersten Kontakt bemerkten wir, dass unsere Lebenswege Parallelen hatten. Wir hatten beide in Marburg gelebt und kannten ganz viele Menschen. Das war ein guter zufälliger Türöffner für die beginnende Beziehung.

Hennie de Kok: Die Begleitung einer Frau im Nachbardorf war so besonders für mich, weil wir vor vierzig Jahren die gleiche Arbeit im Blumenladen hatten. So waren die kommenden Begegnungen gezeichnet von schönen Erinnerungen, einbezogen waren auch die Tochter und die Enkelin. Sie ist ganz ruhig gestorben und hatte ein Meer von Blumen in ihrem Bett. 

Welche Rolle spielt der Glaube im Ambulanten Hospizdienst?

Heinz Coenen: Ich versuche meist, vorsichtig herauszufinden, ob der Patient gläubig ist. Dann beten wir zum Beispiel zusammen. Das ist kein Muss, sondern immer nur ein Angebot. Einmal habe ich aber auch einen Mann begleitet, der nichts mit Kirche und Glauben am Hut hatte. Wir sind zusammen spazieren gegangen, da sah er eine tote Taube auf dem Bürgersteig. Er sagte zu mir:„ Bald liege ich auch da.“ Und ich entgegnete: „Der liebe Gott hält seine Hand auch über Dich.“ Manchmal kommt es vor, dass die Patienten noch kurz vor ihrem Tod zum Glauben finden.

Haben Sie Angst vor dem Tod?

Marlene Wiggenhorn: Eigentlich nicht. Trotzdem will ich noch einiges erleben und erledigen. Ich habe angefangen, mein Leben aufzuschreiben – auf Notizzetteln und mit Fotos. Bis zu meinem 75. Geburtstag soll das Buch fertig sein. Testament, Totenbrief und Beerdigung, das hab ich alles schon längst vorbereitet.

Warum engagieren sie sich gerne als Ehrenamtliche im Ambulanten Hospizdienst?

Marlene Wiggenhorn: Weil man so viel zurück kriegt – viel mehr als man gibt. Das muss man einander nicht sagen, das spürt man einfach.

Barbara Schönauer: Es gibt so tolle Gespräche!

Heinz Coenen: Ich empfinde es als eine sehr dankbare Aufgabe!

Wer Interesse hat, sich ebenfalls im ambulanten Hospizdienst zu engagieren, kann gerne Kontakt aufnehmen:

Ansprechpartnerinnen
Petra Bahr-Rüschkamp und Martina Zimmer
Hospizdienst der Malteser am Niederrhein
(Goch/Uedem - Xanten/Sonsbeck)
Mühlenstr. 40, 47589 Uedem
Tel.:      02825 – 538 60
Mobil:  0151 - 22 60 30 52
Email:   hospiz.niederrhein(at)malteser(dot)org

Weitere Informationen

Unser Spendenkonto: Malteser Hilfsdienst e.V.  |  Pax-Bank  |  IBAN: DE33370601201201214730  |  BIC / S.W.I.F.T: GENODED1PA7